Walter Sonderer
gründete vor 21 Jahren die Toggenburger und See & Gaster Zeitung.
Walter Sonderer schwelgt beim Durchsehen der ersten Ausgaben der ToZ in Erinnerungen. shs
Walter Sonderer gründete vor 21 Jahren die Toggenburger Zeitung, um die Menschen im Toggenburg und im Linthgebiet näher zusammenzubringen. Nun steht der 74-Jährige vor dem nächsten Abschied: ImDezember erscheint die letzte Ausgabe des von ihm gegründeten WIR ONLINE MAGAZINS. Er blickt zurück und spricht über die Zukunft der Regionalzeitungen.
Walter Sonderer, vor 21 Jahren gründeten Sie die Toggenburger Zeitung (ToZ). Wie kam es dazu?
Nach 40 Jahren im Verlagshaus Zehnder in Wil hatte ich Lust, noch einmal etwas ganz Eigenes auf die Beine zu stellen. Ich wollte nicht einfach weitermachen wie bisher, sondern nochmals etwas wagen. Bei der Suche nach einem geeigneten Erscheinungsgebiet fiel mir auf, dass im Toggenburg und im Linthgebiet Platz für eine neue Zeitung war.
Weshalb wollten Sie sowohl das Toggenburg als auch das Linthgebiet abdecken?
Mein Ziel war, die Menschen diesseits und jenseits des Rickens näher zusammenzubringen. Der Ricken war damals in vielen Köpfen eine richtige Grenze. Dabei haben das Toggenburg und das Linthgebiet viel gemeinsam. Mit einer Zeitung, die über beide Regionen berichtet, wollte ich diese Grenze ein Stück weit überwinden. Rückblickend darf ich sagen: Das ist uns gelungen.
Können Sie sich noch an die Anfangszeit erinnern?
Sogar noch sehr gut. Ich gründete eine GmbH und konnte zwei Verleger aus der Ostschweiz für meine Idee gewinnen. Beide beteiligten sich mit je einem Fünftel. Damit war eine wichtige Grundlage geschaffen. Aber eine Firma zu gründen ist das eine – Woche für Woche eine Zeitung mit Geschichten und Inseraten zu füllen, das andere. Der ständige Kampf um Inserate war nicht immer leicht, aber ohne Werbung konnte unsere Zeitung schlicht nicht überleben. Gleichzeitig mussten wir uns bei den Leserinnen und Lesern erst einen Namen machen. Wir wollten Geschichten bringen, über die man am Stammtisch, im Laden oder auf der Strasse sprach. Aufmerksamkeit und markante Schlagzeilen waren gerade am Anfang wichtig. Natürlich muss Journalismus sorgfältig sein – aber eine neue Zeitung, über die niemand spricht, hat es schwer.
Das klingt nach einer Menge Arbeit.
Definitiv. Und der Start war alles andere als einfach. Ermutigt hat mich am Anfang längst nicht jeder. Ich hörte immer wieder: «Ausgerechnet im Armenhaus der Ostschweiz willst du eine Wochenzeitung herausgeben?» Aber ich war überzeugt, dass eine neue Zeitung ihren Platz finden kann, wenn sie nahe bei den Menschen ist. Man braucht in diesem Geschäft nicht nur Geld, sondern vor allem Durchhaltewillen und eine gehörige Portion Optimismus.
Und wie sehen Sie die Situation heute?
Aus dem mutigen Versuch ist eine feste Grösse geworden. Die ToZ konnte sich gut etablieren. Andere Zeitungen wie die Toggenburger Nachrichten aus Ebnat-Kappel und dem Alttoggenburger aus Kirchberg sind verschwunden. Das zeigt, wie stark sich die Medienlandschaft verändert hat.
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Dass die Toggenburger und See & Gaster Zeitung auch nach mehr als 20 Jahren von Jung und Alt gelesen werden. Wenn eine Zeitung, die einmal mit einer Idee und viel Risiko begonnen hat, so lange ihren Platz behauptet, macht mich das stolz.
Glauben Sie, dass gedruckte Regionalzeitungen eine Zukunft haben?
Es wird immer schwieriger, genügend Inserate zu gewinnen, um die hohen Kosten zu decken. Gleichzeitig informieren sich gerade jüngere Menschen fast ausschliesslich online. Das ist kein vorübergehender Trend, sondern ein grundlegender Wandel. Wer heute eine Zeitung macht, muss sich dieser Realität stellen. Trotzdem haben die Printmedien auch heute noch eine grosse Stärke: Sie schaffen Nähe. In einer Regionalzeitung begegnet man Menschen, Vereinen, Betrieben und Geschichten, die man aus dem eigenen Alltag kennt. Sie vermitteln das Gefühl, zu einer Region zu gehören. Gerade dieses Miteinander und der Zusammenhalt sind unbezahlbar.
Und nun nochmals zu Ihnen: Wohin hat Sie Ihr Weg nach der ToZ geführt?
Nach meiner Krebserkrankung im Jahr 2014, die ich Gott sei Dank gut überstanden habe, begann für mich ein neues Kapitel. Ich engagierte mich als Präsident des WIR-Networks Ostschweiz. Als die Bank WIR ihre finanzielle Unterstützung für die Networks strich, suchte ich nach einer Möglichkeit, die WIR-Gemeinschaft weiterhin direkt zu
erreichen. Während zwei bis drei Monaten trug ich eigenhändig E-Mail-Adressen von WIR-Verrechnern zusammen. Daraus entstand 2017 das unabhängige WIR ONLINE MAGAZIN, das heute über 25’000 WIR-Verrechner erreicht.
Am 22. Dezember endet auch dieses Kapitel.
Ja. Mit 74 Jahren merke ich, dass es zunehmend Kraft kostet, Monat für Monat neue Themen zu finden. Ich weiss einfach nicht mehr, worüber ich noch schreiben soll.
Zum Schluss: Was wünschen Sie der Zeitung für die nächsten 20 Jahre?
Von Herzen wünsche ich der Toggenburger und See & Gaster Zeitung, dass sie noch viele Jahre bestehen und ihre wichtige Rolle in der Region behalten können. Trotz meiner Skepsis gegenüber der Zukunft des gedruckten Wortes hoffe ich, dass diese beiden Zeitungen ihren Weg finden. Denn wenn sie eines Tages nicht mehr da wären, würde in unserer Region etwas fehlen. Und zwar nicht nur mir.
Shannon Senn
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