Félix Brunschwiler
zeigt sich enttäuscht über das Nein zur Tiefgarage in Schmerikon.
Ist stolz auf die Bodenständigkeit der Kaltbrunnerinnen und Kaltbrunner: Gemeindepräsident Michael Helbling. ⋌Archiv
Michael Helbling zieht nach seinen ersten rund 100 Tagen als Gemeindepräsident eine positive Bilanz. Der ehemalige Gemeindeschreiber sieht die grössten Herausforderungen in den Gemeindefinanzen, setzt auf den direkten Austausch mit der Bevölkerung und betont die Bedeutung von Traditionen wie dem Kaltbrunner Markt.
Michael Helbling, worauf sind Sie nach den ersten rund 100 Tagen als Gemeindepräsident von Kaltbrunn besonders stolz?
Auf uns als Gemeinde. Ich rede nicht gerne von mir, sondern lieber von Kaltbrunn und unserem «Team Kaltbrunn» - denn es gehören immer mehrere dazu, damit etwas funktioniert. Ich bin stolz auf den Zusammenhalt in Kaltbrunn und auf unsere Bodenständigkeit. Wir sind von A bis Z ein Dorf. Einerseits haben wir den Fortschritt und moderne Infrastruktur, und andererseits bewahren wir unsere Traditionen. Klar haben auch wir unsere Baustellen und sind nicht perfekt, aber wir haben ein gutes Miteinander mit allen Akteuren.
Die Nähe zur Bevölkerung haben Sie auch im Wahlkampf betont. Ist es Ihnen gelungen, diesen Anspruch im neuen Amt umzusetzen?
Ja, das bedeutet mir viel. Ich besuche viele Veranstaltungen und auch die Zusammenarbeit mit den Vereinen ist mir sehr wichtig. Die Leute sollen wissen, dass sie mit mir reden können und ich möchte wissen, was die Bevölkerung bewegt. Dafür ist es wichtig, sich regelmässig auszutauschen. Ich habe auch das Gefühl, dass die Menschen in Kaltbrunn sehr zugänglich sind. Man kommt gut mit ihnen ins Gespräch und wird akzeptiert. Und schlussendlich darf man nicht vergessen, wer uns finanziert: nämlich die Bürgerinnen und Bürger.
Und helfen Ihnen die Erfahrungen aus Ihrer Zeit als Gemeindeschreiber?
Definitiv. So ist es für mich «nur» eine neue Funktion in einer bekannten Institution. Natürlich habe ich andere Herausforderungen und Verantwortungen, aber es hilft mir enorm. Das einzige Problem, welches ich mir selbst eingebrockt habe, war, dass uns durch meinen Positionswechsel nun ein Gemeindeschreiber fehlt. Auf Oktober
haben wir aber glücklicherweise wieder jemand Passendes gefunden.
Wo sehen Sie aktuell den grössten Handlungsbedarf für den Gemeinderat?
Das Wichtigste ist, die Finanzen im Griff zu behalten. Wir setzen alles daran, eine erneute Steuererhöhung zu vermeiden, versprechen können wir aber nichts. Eine Steuererhöhung wäre wirklich das letzte Mittel. Um das zu schaffen, müssen wir sinnvoll sparen, aber auch an den richtigen Orten investieren. Wir haben noch Reserven, und die muss man meiner Meinung nach auch zur gegebenen Zeit nutzen. Aber die finanziellen Herausforderungen bleiben sicherlich bestehen, das ist eine mehrjährige Aufgabe. Schwierig vorauszusagen ist, was der Kanton in den nächsten Jahren noch auf die Gemeinden abwälzen will. Gegenwehr ist angesagt!
Gibt es etwas, das Sie rückblickend in den ersten 100 Tagen anders gemacht hätten?
Ohne jetzt eingebildet zu klingen: nein. Ich hatte natürlich auch das Glück, die Geschäfte schon zu kennen. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse, und dass es für das Amt Geduld und manchmal auch Nerven braucht. Gleichzeitig wird man dafür mit vielen schönen und besonderen Momenten belohnt.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Besonders die Jubilaren-Besuche bereiten mir grosse Freude. Wir besuchen Bürgerinnen und Bürger persönlich zu ihrem 90. oder 95. Geburtstag. Dabei erzählen sie meistens, wie sie nach Kaltbrunn gekommen sind und was ihnen hier gefällt und was nicht. Mir ist vor allem auch die Kritik wichtig – solange sie begründet wird. Zuhören ist in meinem Job meist wichtiger als selbst zu reden.
Jetzt dürfen Sie aber noch ein bisschen weitererzählen, zum Beispiel über den Kaltbrunner Markt. Was bedeutet der Anlass für die Gemeinde?
Der Kaltbrunner Markt ist für uns sehr wertvoll und eine Erfolgsgeschichte. Er bringt die Vereine und die Bevölkerung zusammen. Auch die Viehschau und die Landwirtschaft gehören fest dazu. Es ist ein Zusammenkommen und Präsentieren, das schon seit vielen Jahrzehnten Tradition hat.
Für die Gemeinde kostet er aber auch ziemlich viel…
Auf jeden Fall. Der Jahrmarkt ist eine aktive Investition, die uns Geld kostet. Durch den emotionalen und traditionellen Mehrwert ist das aber durchaus gerechtfertigt. Der Markt ist von Kaltbrunnern für Kaltbrunner sowie die Region und weit darüber hinaus. Er trägt viel zum Gemeinschaftsgefühl bei. Gleichzeitig gibt es in anderen Gemeinden immer weniger solche Märkte. Deshalb müssen wir Sorge zu ihm tragen und alles daransetzen, dass diese Tradition erhalten bleibt. Ich hoffe, dass das auch in 20 oder 30 Jahren noch so ist, wenn die ältere Generation im Marktwesen nicht mehr so aktiv sein kann.
Zum Schluss: Sind Sie der Meinung, dass Neuzuzüger sich ebenso mit dem Markt identifizieren können wie Einheimische?
Sicherlich. Die Menschen in Kaltbrunn sind offen und kontaktfreudig. Wer möchte, kann hier schnell und unkompliziert neue Bekanntschaften schliessen und sich integrieren. Gerade am Kaltbrunner Markt spürt man diese
Dorfgemeinschaft. Man sitzt zusammen, kommt ins Gespräch und unterhält sich auch mit Menschen, die man vielleicht noch gar nicht kennt. Das macht Kaltbrunn für mich aus: Man schaut den Menschen an, nicht die Herkunft.
Shannon Senn
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