Félix Brunschwiler
zeigt sich enttäuscht über das Nein zur Tiefgarage in Schmerikon.
Rocco Delli Colli kam als junger Mann aus Italien in die Schweiz. Heute führt er mit Dieci den grössten Pizzaproduzenten des Landes. Seit 21 Jahren steht er ausserdem als Präsident an der Spitze des FC Rapperswil-Jona. Was ihn antreibt, ist aber nicht der wirtschaftliche Erfolg. Sein grösster Triumph war ein anderer: Er konnte seinem Vater ermöglichen, nach Jahrzehnten als Saisonnier für immer nach Italien zurückzukehren.
Rocco Delli Colli, Sie sind seit 21 Jahren Präsident des FC Rapperswil-Jona. Weshalb tun Sie sich das an?
Die Frage stellt mir meine Frau jeden Tag. Eine richtige Antwort gibt es nicht. Es ist Emotion. Aber es ist auch Verantwortung. Der Fussball ist eine der wenigen Sportarten, bei denen man wirklich von Integration und sozialer Wirkung sprechen kann.
Sie sprechen von Lebensschule.
Ja. Im Fussball lernst du gewisse Dinge automatisch. Du bist zwei Stunden auf dem Platz, spielst fünf gegen fünf, kämpfst um den Sieg, und plötzlich musst du auch mit einer Niederlage umgehen. Das ist wichtig. Fussball gibt dir etwas in deinen Rucksack fürs ganze Leben, das du nicht einfach irgendwo lernen kannst.
Der FCRJ hat sich in der Challenge League etabliert. Was bedeutet Ihnen das?
Ich glaube, die Region verdient die Challenge League. Wir wollen auch in dieser Saison möglichst schnell viele Punkte gewinnen und mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Aber der Verein ist mehr als die erste Mannschaft. Wir haben eine lange Geschichte als Breitensportverein und eine grosse Nachwuchsabteilung.
Ihr Budget liegt bei rund drei Millionen Franken. Im Vergleich zu anderen Klubs ist das wenig.
Wir gehören sicher zu den Klubs mit den kleinsten Budgets im Schweizer Profifussball. Und man darf nicht einfach sagen: drei Millionen für die erste Mannschaft. Da sind Frauen, Männer und Nachwuchsteams dabei. U18, U16, U15, U14, U12. Allein der Nachwuchs kostet fast eine Million.
Die Spieler in der Challenge League sind also nicht alle Vollprofis?
Nein. Viele sind Studenten oder arbeiten. Man kann von Profibetrieb sprechen, weil sie sechsmal trainieren. Aber man kann nicht von einem klassischen Profibetrieb sprechen, wenn sie dafür nicht entsprechend bezahlt werden.
Wie sieht die Realität aus?
In der Challenge League verdient vielleicht ein Drittel der Spieler zwischen 4000 und 5000 Franken. Der Rest liegt eher zwischen 500 und 3000 Franken. Und trotzdem müssen diese Spieler sehr viel leisten.
Sie haben den FC Rapperswil-Jona einmal mit dem HC Ambrì-Piotta verglichen. Was steckt dahinter?
Das ist emotional gemeint. Ambrì ist ein Klub mit einer besonderen Ausstrahlung, der Sympathien in der ganzen Schweiz besitzt. Warum, kann man gar nicht genau erklären. Wir möchten mit Rappi etwas Ähnliches aufbauen: einen Verein, der mit wenig möglichst viel herausholt und eine eigene Identität schafft.
Das ist am Obersee gar nicht so einfach.
(Lacht) Ja, wir haben hier von allem etwas. Wir gehören zum Kanton St.Gallen, orientieren uns aber stark an Zürich. Dazu kommen Schwyz und Glarus. Wir haben mit vier Kantonen zu tun. Eigentlich müssten wir unseren eigenen Kanton haben.
Den Kanton Rapperswil?
Vielleicht. Napoleon hatte einmal einen Kanton Linth. Wir nehmen noch Lachen, Freienbach und ein paar schöne Orte dazu und machen ein Fürstentum daraus.
Der FC Rapperswil-Jona hat auch eine ambitionierte Frauenabteilung.
Wir sind zum dritten Mal in der Geschichte in der höchsten Liga präsent. Die Frauenabteilung gibt es bereits seit Ende der 1960er-Jahre. Wir machen das nicht einfach, weil eine Frauenabteilung heute Mode ist. Wir wollen Nachhaltigkeit.
Das kostet Geld.
Natürlich. Eine Mannschaft auf diesem Niveau kostet schnell 500'000 bis 600'000 Franken. Die Spielerinnen erhalten Spesen in der Höhe zwischen 200 und 1000 Franken im Monat. Das ist die sogenannte Professionalisierung.
Und trotzdem ist die finanzielle Basis viel kleiner als bei den Männern.
Das ist das Problem. Alle reden darüber, wie toll der Frauenfussball ist. An der Frauen-EM 2025 waren die Stadien voll. Aber dann muss man auch bereit sein, Geld zu investieren. Die Frauen-Super-League bewegt insgesamt vielleicht 800'000 bis eine Million Franken. Bei den Männern sprechen wir von rund 40 Millionen. Diese Differenz muss sich verändern.
Seit Anfang 2025 ist der Basler Star Xherdan Shaqiri in Ihrem Klub involviert. Welche Rolle spielt er genau?
Xherdan Shaqiri ist Mitaktionär bei der FC Rapperswil-Jona 1928 AG. Es freut mich sehr, dass er sich bei uns einbringt und auch regelmässig an den Spielen anzutreffen ist. Auch bei den Frauen.
Allein sein Name ist für den FCRJ ein Gewinn.
Absolut. Xherdan besitzt eine Strahlkraft, die im Schweizer Fussball Massstäbe setzt. Seine Präsenz stärkt unsere Position und macht uns auch attraktiver für Spieler und Spielerinnen.
Wenn man Ihre eigene Geschichte anschaut, klingt sie fast wie ein kleines Märchen. Sie kamen als junger Mann aus Italien in die Schweiz und haben später Dieci aufgebaut. Macht Sie das stolz?
Ja, natürlich. Es ist schön, was daraus geworden ist. Ob es Zufall war, Fähigkeit oder Intuition – wahrscheinlich von allem etwas. Ich habe selbst grossen Respekt davor, dass sich diese Geschichte so entwickelt hat.
Ihr Vater kam bereits in den 1950er-Jahren als Saisonnier in die Schweiz.
Ja. Er und sein Zwillingsbruder kamen Ende der 1950er-Jahre in die Schweiz. Sie arbeiteten als Elektriker. Mein Vater wollte eigentlich nie hierbleiben. Er war der klassische Saisonnier: neun Monate Schweiz, drei Monate Italien. Geld verdienen, Schulden zurückzahlen und wieder nach Hause.
Sie sind später in die Schweiz gekommen, um herauszufinden, wie Ihr Vater hier lebt?
Das war ein wichtiger Grund. Ich wollte sehen, wo mein Vater sein Geld verdient und wie er lebt. Ich habe damals mit den anderen Arbeitern in dieser Barackenzone gelebt – mit Portugiesen, Spaniern, Argentiniern, Italienern, Menschen aus dem Balkan. Zuerst wollte ich meinen Vater überzeugen, wieder nach Italien zu gehen.
Das ist Ihnen gelungen.
Ja. Und das ist vielleicht mein grösster Erfolg. Ich habe meinem Vater ermöglicht, 1989 für immer nach Italien zurückzukehren. Er konnte wieder mit meiner Mutter zusammenleben. Sie hatten danach noch mehr als 30 gemeinsame Jahre.
Das ist Ihr grösster Triumph - nicht Dieci, nicht der Fussball?
Wenn mich jemand fragt, was mein grösster Erfolg ist, dann ist es das. Dass ich meinen Papa wieder nach Italien bringen konnte.
Sie selbst sind geblieben. Die Schweiz ist Ihre neue Heimat geworden.
Das ist wunderschön. Jedes Mal, wenn ich hier vor dem Dieci sitze, habe ich das Gefühl, ich hätte zwei Wochen Ferien gemacht.
Das passt ziemlich gut zu diesem Platz hier.
Genau. Viele fragen mich: «Gehst du in die Ferien?» Ich sage: «Nein. Was soll ich in die Ferien? Ich bin hier. Schau dir das an!»
Sie haben einmal erzählt, dass Sie für einen guten Kaffee nach Mailand gefahren sind und für Spaghetti alle vongole nach Alassio. Mussten Sie Italien wirklich nach Rapperswil holen?
Ja. Als ich hierherkam, war italienische Gastronomie oft sehr klischeehaft. Fischernetze an der Decke, grün-weiss-rote Wände und Spaghetti bolognese. Das war für mich nicht das Italien, das ich kannte. Ich wollte das echte Lebensgefühl nach Rapperswil bringen.
1990 eröffneten Sie die erste Dieci-Bar mit zwölf Sitzplätzen. Heute ist daraus ein grosses Unternehmen geworden.
Es war damals ein kleines Lokal. Aber die Leute haben uns die Pizze förmlich aus der Hand gerissen. Daraus ist Schritt für Schritt etwas Grösseres entstanden.
Wie bringt man ein Unternehmen und das Präsidium eines Fussballklubs unter einen Hut?
Manchmal gar nicht (lacht). Aber das eine hilft dem anderen. Im Fussball lernst du, mit Niederlagen umzugehen. Im Geschäft lernst du zu planen. Beides zusammen ist eine gute Schule.
Wo soll der FC Rapperswil-Jona in zehn Jahren stehen?
Mein Ziel ist, dass der Klub selbstständig ist und nicht von einer einzelnen Person abhängig ist.
Von Ihnen.
Ja. Heute bin ich eine wichtige Person. Das ist nicht gut für die Zukunft eines Vereins. Wenn ich mein Ziel erreiche und der FC Rapperswil-Jona mehr oder weniger unabhängig von einer Person funktioniert, dann habe ich als Präsident etwas richtig gemacht.
Thomas Renggli
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