Raphael Gygax
ist der OK-Präsident des "The Little Big Festival" in Lichtensteig.
Barbara Soreia Wojak
Manchmal schickt uns das Leben Botschaften auf eine Weise, die wir zunächst gar nicht erkennen. Bei mir war es ein Boiler, der einfach ausgestiegen ist. Von einer Minute auf die andere gab es kein heisses Wasser mehr. Natürlich könnte man sagen: Das passiert eben. Ein technischer Defekt. Nichts Besonderes. Doch dann wurde der Boiler geöffnet. Dabei stellte sich heraus, dass dieses System über 30 Jahre lang nie gewartet wurde. Als die Handwerker das Innenleben freilegten, kamen enorme Mengen an Kalk, Ablagerungen und Rückständen zum Vorschein. Schicht für Schicht hatte sich über Jahrzehnte etwas angesammelt, das von aussen nicht sichtbar war. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, nicht auf einen Boiler zu schauen, sondern auf einen Spiegel. Denn sind wir Menschen nicht oft ganz ähnlich? Die wenigsten von uns brechen von heute auf morgen zusammen. Vieles geschieht schleichend. Eine Enttäuschung hier. Ein nicht gelebter Traum dort. Anpassungen, die wir vorgenommen haben, obwohl sie sich nie wirklich richtig angefühlt haben. Worte, die wir heruntergeschluckt haben. Kompromisse, die wir eingegangen sind. Nichts davon bringt unser System sofort zum Stillstand. Wir funktionieren weiter. Wir machen weiter. Wir halten durch. Doch während wir funktionieren, lagert sich etwas ab. Alte Geschichten. Alte Verletzungen. Fremde Erwartungen. Überzeugungen, die längst nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen. Irgendwann kommt dann der Moment, an dem das Leben sagt: So nicht mehr. Das Spannende an dieser Geschichte ist, dass ich keinen neuen Boiler wollte. Ich wollte den alten behalten. Er gehört zu diesem Haus. Er ist wunderschön bemalt und hat für mich seinen eigenen Charakter. Im Nachhinein wurde mir klar, warum mir das so wichtig war. Es ging nie darum, alles Alte wegzuwerfen. Es ging darum, das Innenleben zu erneuern. Der Boiler steht heute noch am gleichen Platz. Von aussen sieht er nahezu unverändert aus. Doch innen wurde alles auf einen neuen Stand gebracht. Neue Technik. Neue Verbindungen. Neue Energie. Sogar die Stromführung wurde erneuert. Seitdem läuft das System ruhig. Keine Nebengeräusche mehr. Kein unnötiger Energieverlust. Keine Überlastung. Genau darin liegt für mich die eigentliche Botschaft. Transformation bedeutet nicht zwangsläufig, jemand anderes werden zu müssen. Vielleicht geht es viel häufiger darum, wieder zu dem zurückzufinden, was wir in Wahrheit sind, indem wir das entfernen, was sich über Jahre angesammelt hat.
Mein kaputter Boiler hat mir etwas gezeigt, das weit über eine Reparatur hinausgeht: Das Leben wartet nicht darauf, dass wir perfekt werden. Manchmal sorgt es einfach dafür, dass ein altes System ausfällt, damit endlich Raum für etwas Neues entstehen kann.
⋌Barbara Soreia Wojak
Oh ja, genau so ist es! Sie haben das unglaublich gut beschrieben! Danke liebe Barbara!
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